6. Was wir unter Kompetenz verstehen
Diese Definition ist länger als ein klassischer Einzeiler, weil sie genau die Stellen sichtbar macht, an denen Kompetenzbehauptungen sonst gefährlich pauschal werden. Aufgabe, Scope, Raum, Rolle, Policy, Hilfen, Toolversion, Aufsicht, Standard, Stopps und Gültigkeit sind keine dekorativen Metadaten. Sie bilden den Korridor, in dem die Fähigkeit sinnvoll beschrieben und geprüft werden kann.
Die zehn Mindestfragen
1. Welche konkrete Aufgabe soll verantwortbar ausgeführt werden?
2. In welchem Scope und gegebenenfalls in welchem Zweck- oder Wirkraum gilt die Aussage?
3. In welcher Rolle handelt das Kompetenzsubjekt?
4. Welche Policies, Rechts-, Sicherheits- und Hausregeln gelten?
5. Welche Hilfen, Modelle, Werkzeuge, Daten und Dokumentationen sind erlaubt?
6. Welche Aufsicht, Rückfrage, Eskalation oder menschliche Freigabe ist erforderlich?
7. Auf welchen Referenzversionen von Vertrag, Skill, Tool, Standard und Daten basiert die Aufgabe?
8. Welche Evidenzformen, Aufgabenvarianten und Zeitabstände sind notwendig?
9. Welche Qualitäts-, Stopp-, Eskalations- und Aussagegrenzen gelten?
10. Wie lange ist die Fähigkeit beziehungsweise der Claim tragfähig, und wann wird revalidiert?
Die vier Kompetenzsubjekte im Vergleich
| Subjekt | Typischer Kompetenzgegenstand | Besondere Evidenz- und Verantwortungsfragen |
|---|---|---|
| Mensch | fachliches, praktisches, kommunikatives und metakognitives Können | Authentische Aufgaben, Hilfen, Transfer, Selbstüberwachung, Aufsicht, Zulassung und persönliche Lernspur. |
| KI-Agent / technischer Dienst | skill-, tool-, versions- und betriebsrahmengebundene Fähigkeit | Exakte Agent-/Skill-/Modell-/Toolversion, TestSuite, Daten- und Runtimegrenzen, Guardrails, Reproduzierbarkeit. |
| Mensch-KI-Team | gemeinsame Leistung einer konkreten Rollen- und Übergabekonfiguration | Aufgabenteilung, Handoffs, gegenseitige Fehlerkontrolle, gemeinsame Evidenz, menschliche Freigabe, Konfigurationsdrift. |
| Organisation | Fähigkeit, Infrastruktur, Policies, Rollen, Aufsicht, Kontinuität und Repair wirksam zu verbinden | Governance, Verantwortungsverteilung, Ressourcen, Schulung, Audit, Vorfall- und Recoveryfähigkeit, unabhängiges Review. |
Die gemeinsame Grammatik bedeutet nicht gleiche Evidenz oder gleiche Verantwortung. Ein KI-Agent kann in einem definierten Skillkorridor technisch sehr zuverlässig arbeiten, ohne dadurch moralische oder rechtliche Letztverantwortung zu tragen. Eine Organisation kann über tragfähige Prozesse verfügen, obwohl nicht jedes Mitglied dieselbe persönliche Kompetenz besitzt. Ein Mensch kann kompetent sein, aber aktuell nicht berechtigt. Ein Principal kann berechtigt sein, ohne die fachliche Kompetenz selbst zu besitzen.
Quellenanker: [B1, Kap. 6], [S1-D02/D12], [B2]
6A. Was ein Kompetenzclaim ist
Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit. Der Kompetenzclaim bezeichnet unsere begrenzte Aussage darüber. Diese Trennung ist entscheidend, weil Kompetenz nie vollständig und unmittelbar sichtbar ist. Sichtbar sind Handlungen, Entscheidungen, Ergebnisse, Fehler, Hilfen, Tool- und Aufsichtsbedingungen, Verhalten bei Störung, Transfer und Stabilität über Zeit. Aus mehreren qualifizierten Beobachtungen kann ein Claim abgeleitet werden - niemals mehr, als die Evidenz trägt.
Ein guter Kompetenzclaim macht sichtbar
- welches Kompetenzsubjekt gemeint ist;
- welche Aufgabe und welcher Scope gelten;
- welche Rolle, Policies, Hilfen, Tools und Aufsicht zugrunde lagen;
- welche Standards und Referenzversionen galten;
- welche Evidenzarten und Aufgabenvarianten vorliegen;
- welche Unsicherheit, Grenzen, Gegenbelege oder offenen Lücken bleiben;
- wann der Claim ausgestellt, revalidiert, superseded oder widerrufen werden muss;
- wer fachlich reviewt und wer die Aussage freigegeben hat.
Quellenanker: [B1, Anhang A/B], [S1]